Systematik

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Sämtliche Chili- und Paprika-Arten gehören zur Gattung Capsicum, und damit in die Familie Solanaceae (Nachtschattengewächse), in der sich auch andere wichtige Nutzpflanzen wie Kartoffel, Tomate, Tabak, Auberginen etc. befinden.

Solanaceae

Die Solanaceae (Nachtschattengewächse) sind Kräuter oder Sträucher. Die Blätter sind wechselständig. Die Blüten sind meist radiärsymmetrisch, oft mit einer angedeuteten Zygomorphie (ein Staubblatt ist kürzer als seine Nachbarn), selten deutlich zygomorph. Lediglich der zweifächrige Fruchtknoten liegt schräg in der Blüte. Dies unterscheidet die Solanaceae gut von fast allen anderen Pflanzen. Die Kronblätter sind verwachsen. In jeder Blüte gibt es einen Griffel mit einer zweilappigen Narbe. Früchte sind Beeren oder Kapseln.

Stengel und Blätter zeichnen sich ähnlich wie bei den Boraginaceen häufig durch komplizierte Verwachsungen aus, die den tatsächlichen Aufbau undurchschaubar machen können.

Eine weitere Besonderheit gibt es beim Aufbau des Stengels: Normalerweise werden in den Leitungsgeweben zweikeimblättriger Pflanzen außen Ploëmzellen und innen Xylemgewebe gebildet. Bei den Solanaceen werden außerdem innen an das Xylem anschließend weitere Ploëmzellen im Markbereich gebildet. (Diese besondere Bauart der Leitbündel nennt sich "kollateral".)

Die Solanaceae sind mit ca. 2300 Arten in rund 80 Gattungen auf der ganzen Erde verbreitet. Entfaltungszentrum ist Mittel- und Südamerika. 40 Gattungen kommen ausschließlich dort vor. Und aus diesen Gebieten kommen auch die wichtigsten Nutzpflanzen.

Die Pflanzen der Familie enthalten viele Gifte und Medikamente. Es sind vermutlich Stoffwechselendprodukte, in denen überschüssiger Stickstoff inaktiviert wird. Die Stoffe gehören größten Teils zu den Alkaloiden, insbesondere Tropanalkaloide, d.h. an Tropansäure gebundene Alkaloide (z.B. die Gifte aus dem Bilsenkraut (Hyoscyamin) oder der Tollkirsche (Atropin)), Benzylisochinoline (z.B. Nikotin) oder Amine (z.B. Capsaicin). Viele dieser Stoffe haben eine sehr spezifische Wirkung auf das menschliche Nervensystem.

Unterfamilien der Solanaceae

Man unterteilt die Solanaceae in folgende Unterfamilien:

Nicandra
mit der monotypischen Nicandra physaloides (Blasengiftbeere). Dieser Tribus zeichnet sich durch einen abweichend aufgebauten drei- bis fünffächrigen Fruchtknoten aus. Ursprünglich aus Peru, ist die Pflanze heute in weiten Teilen der Welt ruderal verbreitet.
Solaneae
Zu der Nominatgruppe gehören die meisten wichtigen Pflanzen der Familie:
Lycium (Bocksdorn) mit ca. 110 Arten, zwei davon in Europa.
Atropa (Tollkirsche), eine der giftigsten Pflanzen der gemäßigten Breiten. Den Wirkstoff Atropin benutzt man aber auch als Medikament, weshalb die Tollkirsche feldmäßig angebaut wird.
Hyoscyamus (Bilsenkraut), welches angeblich früher wegen seiner narkotisierenden und halluzinogenen Wirkung für Hexengetränke benutzt wurde.
Physalis (Blasenkirsche, Lampionpflanze) mit einem zur Fruchtreife aufgeblasenen, lampionförmigen Kelch, welcher eine eßbare Frucht enthält.
Capsicum (Paprikas und Chilies).
Solanum, die mit 1500 Arten größte Gattung der Familie. Dazu gehören u.a. der weitverbreitete Schwarze Nachtschatten (S.nigrum), die Kartoffel (S.tuberosum) und die Aubergine (S.melongena).
Lycopersicon, darunter die Tomate (L. esculentum).
Cyphomandra (Baumtomaten), ebenfalls mit eßbaren, tomatenartigen Früchten.
Mandragora (Alraune), der man wegen der eigentümlichen Wurzelform früher Zauber- und Heilkraft zuschrieb.
Datureae
Die Pflanzen dieses Tribus bilden im Fruchtknoten zusätzliche (falsche) Scheidewände aus. Hierzu gehört z.B. der heimische Stechapfel (Datura stramonium).
Cestreae
Diese zeichnen sich durch einen im Samen wenig gekrümmten Embryo aus. Hierzu gehören z.B. die verschiedenen Tabak-Arten (Nicotiana spec.) und die nahe verwandte Petunie (Petunia spec.). (Hierzu auch die Trompetenblume (Salpiglossis))

Die Gattung Capsicum

Allgemeines

Die Abgrenzung der Gattung Capsicum von nahe verwandten Gattungen ist schwierig.

Die Gattung kann in drei Sektionen aufgeteilt werden: Capsicum (s.str.), und die monotypischen Sektionen Pseudoacnistus und Tubocapsicum. Die Sektion Capsicum besteht aus ca. 30 Arten, von denen 5 Arten kultiviert werden. Die Wildarten haben meist aufrecht stehende Blüten und Früchte, die nach der Reife abgeworfen werden. Die kultivierten Pflanzen haben weniger und größere Früchte, die oft hängen, und bei Reife nicht abgeworfen werden.

Über die nicht kultivierten Arten ist mir nichts bekannt. Hier ist immerhin eine Liste der Arten:

Tubocapsicum:anomalum ?
Pseudoacnistus:breviflorum ?
Capsicum:annum L.baccatum L.buforum Hunz. campylopodium Sendt.
cardenasii Heiser & Smithchacoense Hunz. chinense Jacq.ciliatum ?
coccineum (Rusby) Hunz.cornutum (Hiern.) Hunz. dimorphum (Miers.) O.K.dusenii Bitter
eximium Hunz.frutescensgalapagoensis Hunz. geminifolium (Dammer) Hunz.
hookerianum (Miers) O.K.lanceolatum (Greenm.) Morton & Standley leptopodum (Dunal) O.K.minutiflorum (Rusby) Hunz.
mirabile Mart. ex. Sendtparvifolium Sendt. pubescens Ruiz & Pav.scolnikianum Hunz.
schottianum Sendt.tovarii Eshbaugh, Smith & Nickrent villosum Sendt.praetermissum Heiser & Smith

Die Systematik der Gattung Capsicum ist aber umstritten. Für ein besseres Verständnis erhofft man sich neue Erkenntnis durch neue Arten, die man vor allem in Brasilien noch zu finden hofft.

Die kultivierten Arten

C. annuum
Zu dieser Art gehört ein Großteil der verkauften Paprikas und Chilies (wie z.B. der Gemüsepaprika, Peperoni, Anaheim, Cayenne, Jalapeno...) Das Aussehen der Pflanze und der Früchte kann dank jahrtausendelanger Zucht erheblich schwanken. Die Blüten sind weiß und sitzen einzeln auf den Stengelknoten. Die Kelchblätter sind als Zähne ausgebildet. Die Früchte hängen wie die Blüten oft nach unten. Die Pflanzen sind, wie der Name schon sagt, einjährig. Sie vertragen keinen Frost.
Hauptverbreitungsgebiet ist das mittelamerikanische Tiefland. Sie werden aber überall auf der Welt angebaut.
C. baccatum
(früher C. microcarpum (=C.baccatum var baccatum) und C.pendulum (=C.baccatum var pendulum)). Baccatum bedeutet "beerenartig". C. baccatum ist etwas kälteresistenter als C. annuum und wird z.B. in den Anden angebaut. Die Blüten sitzen ebenfalls hängend und einzeln auf den Stengelknoten. Sie sind weiß-grünlich oder creme-farben, mit gelblichen Flecken und gelben Staubbeuteln. Die Früchte sind oft sehr scharf.
C.baccatum wird häufig zum Einkreuzen in andere Sorten verwendet, da diese Art gegen einige wirtschaftlich bedeutende Pflanzenkrankheiten relativ resistent ist (Phytophtora, Leveillula taurica, Gurken-Mosaik-Virus). Die Art ist in Südamerika sehr verbreitet, woanders nur ziemlich selten zu bekommen. Wieso, ist allen ein Rätsel, denn die Früchte haben oft einen sehr guten Geschmack, und sie sind auch nicht schwieriger zu ziehen als C.annuum-Varietäten.
Die Früchte sind in Südamerika im allgemeinen unter dem Namen "Aji" auf dem Markt (z.B. Aji Oro, Aji Lemon usw.).
C. chinense
(auch C. sinense). Zu dieser Art gehören die schärfsten Sorten. Die Blüten sitzen zu 2-5 auf den Knoten. Die Blütenblätter sind weiß oder stumpf-weiß. Kelchzähne fehlen. Zwischen der Basis des Kelches und dem Blütenstiel befindet sich eine Einschnürung. Trotz seines Namens kommt C.chinense nicht aus Asien, sondern ebenfalls aus Mittel- und Südamerika.
C. frutescens
Diese Art ist nahe mit C.chinense und C.annuum verwandt. Die Blütenblätter sind aber oft deutlich grünlich-weiß. Die Einschnürung zwischen Kelch und Blütenstiel fehlt. Zum taxonomischen Status von C.annuum, C.chinense und C.frutescens s. auch unten.
Die Blüten wachsen zu vielen auf den Stengelknoten und die Früchte stehen oft aufrecht. Hierdurch kommt bei der Ernte der Eindruck eines "Chili-Straußes" zustande.
C. pubescens
Pubescens bedeutet "behaart". Die Pflanzen haben nämlich behaarte Blätter. Sie sind recht frostbeständig (bis -5°C) und wachsen deshalb auch noch in den Hochlagen der Anden (bis ca. 3000m). Im Gegensatz zu den anderen Arten ist C.pubescens vieljährig (bis zu 10 Jahren). Die Blüten wachsen einzeln auf den Stengelknoten. Sie sind dunkel-purpurrot bis stumpf-violett mit einem weißen Zentrum. Der Kelch besteht aus kleinen Zähnen. Die Früchte sind klein oder mittel und scharf. Die Samen sind schwärzlich (bei den anderen Arten: hellbraun) (Von den Samen gibt es hier auch ein Bild). C.pubescens läßt sich nur schwer mit den drei obigen Arten kreuzen. Es ist von Kolumbien bis Bolivien einer der häufigsten Chilies.
Der Grund, warum diese Art außerhalb der Anden nicht verbreitet ist (sie wird nur selten noch in Guatemala und Mexiko angebaut) ist vermutlich, daß sie ein kühles, aber mehr oder weniger frostfreies Klima braucht, daß sie zwei Jahre bis zur Fruchtreife braucht, und daß die Früchte fleischig und leicht verderblich sind.

Fast alle in den Industrieländern üblichen Chili-Sorten gehören zur Art C.annuum. C.frutescens und C.chinense sind weniger verbreitet, aber auch nicht selten. Die verschiedenen Sorten von C.baccatum und C.pubescens werden nur sehr selten außerhalb von Südamerika gezogen. Diese beiden Arten sind deshalb auch so gut wie nicht erforscht, obwohl insbesondere aus C.baccatum sehr viele verschiedene Sorten gezogen wurden. Ob sich die genauen Verwandtschaftsverhältnisse zwischen diesen Sorten noch klären lassen, bleibt abzuwarten.

Abgesehen von diesen 5 Arten werden auch die scharfen Früchte der anderen Arten von den Menschen gesammelt, auch wenn sie nicht angebaut werden. C.praetermissum, C.cardenasii, C.eximium und C.chacoense werden in Teilen Südamerikas aus freier Wildbahn gesammelt und kommerziell vermarktet.

Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der Gattung

Wie schon erwähnt gibt es zunächst einmal zwei monotypische Sektionen: Pseudoacnistus (bestehend aus C.breviflorum) und Tubocapsicum (bestehend aus C.anomalum).

Die wilden Vorfahren von C.anuum, C.chinense und C.frutescens scheinen sehr nahe miteinander verwandt zu sein - so nahe, daß einige Botaniker sie nicht als verschiedene Arten ansehen. (Ich selber halte zumindest die Unterscheidung zwischen C.annuum und C.frutescens für etwas zweifelhaft.) Der gemeinsame Vorfahr scheint in ganz Südamerika, vor allem aber im nördlichen Andengebiet, wie in Mittelamerika, im südlichen Nordamerika und in der Karibik verbreitet gewesen zu sein. Er scheint sich dann aufgespalten zu haben in C.annuum in Mittelamerika, C.chinense in Amazonien und C.frutescens in Südamerika und der Karibik. Diese drei Arten sind dann vom Menschen verbreitet worden. Zwischen ihnen kommt es leicht zu Fremdbefruchtung. Sie haben alle drei mehr oder weniger weiße Blüten.

Ebenfalls noch relativ nahe verwandt mit dieser Dreiergruppe scheinen die Arten C.baccatum, C.chacoense (ebenfalls ein wichtiger Lieferant von Resistenzen) und C.praetermissum zu sein.

C.pubescens ist nahe verwandt mit den drei Arten C.cardenasii, C.tovarii und C.eximium. Diese haben alle dunkle, violette Blüten. Die Art C.tovari hat ebenfalls dunkle Blüten und läßt sich leicht mit C.eximium kreuzen, kann also ebenfalls zum weiteren Verwandtschaftskreis von C.pubescens gezählt werden.

Relativ isoliert scheint innerhalb der Sektion Capsicum (s.str.) noch die weißblütige Art C.galapagoense dazustehen.

by Michael Becker, 2/1999. Letzte Änderung: 9/1999.