Systematik der Zauneidechse

Zauneidechsen-Weibchen, rotrückig

Zauneidechsen-Weibchen bei der Häutung, rotrückig (erythronotus-Mutante). (bei Hannover)

Reptilien

(nach [Wur])

Die Zauneidechse ist natürlich ein Reptil: Sie gehört zur Klasse Reptilia (Kriechtiere), welche zum ersten mal im Karbon auftrat, und im Trias, Jura und der Kreide die Hauptmasse der Landwirbeltiere gestellt hat. Die Klasse wird in 16 Ordnungen unterteilt, von denen noch 4 durch mindestens eine Art vertreten sind (fett gedruckt). Die Unterteilung erfolgt hauptsächlich nach Merkmalen des Schädelbaus, wie z.B. der Ausbildung des Schläfendurchbruchs, welcher bei den Amphibien noch fehlt, oder dem Bau und der Befestigung der Zähne. Auf die Einzelmerkmale der Ordnungen kann ich nicht weiter eingehen. Die Ordnungen sind folgende (rezente Ordnungen sind dick gesetzt):

Cotylosauria (Stammreptilien)
Die Stammgruppe aller Reptilien. Oberkarbon bis Obertrias.
Chelonia (Schildkröten)
Zahnlose Reptilien mit Panzer. Die Schildkröten haben sich recht früh in der Entwicklungsgeschichte von den anderen Reptilien abgespalten. In Mitteleuropa nur mit einer einheimischen Art vertreten (Emys orbicularis L., Europäische Sumpfschildkröte).
Ichthyosauria (Fischsaurier)
Die Vertreter dieser Gruppe lebten wieder im Wasser. Die Extremitäten waren zu Flossen umgewandelt. Untertrias bis Oberkreide.
Eusuchia
Eidechsenähnliche, vermutlich flinke Reptilien. Aus dem Oberperm bis Obertrias in Südafrika und Madagaskar.
Rhynchocephalia (Brückenechsen)
Seit dem Untertrias. Hat mit einer Art überlebt: Sphenodon punctatus Gray (Brückenechse).
Squamata (Schuppenkriechtiere)
Mit ca. 5800 Arten die größte lebende Ordnung der Reptilien. Sie unterteilt sich in die echten Echsen (Unterordnung Lacertilia = Sauria), die Schlangen (Serpentes) und die Doppelschleichen (Amphisbaenia. Unterirdisch lebende Reptilien ohne Extremitäten, Südamerika).
Sauropterygia
Ebenfalls wieder im Wasser lebende Arten (darunter z.B. der Plesiosaurus). Oft mit langem Hals. Untertrias bis Oberkreide.
Placodontia
Reptilien mit oft abgeflachtem Habitus. Mit Ansätzen einer Kaumuskulatur. Trias.
Thecodontia
Insekten- oder fleischfressende Arten mit krokodilartigem Habitus. Nasenlöcher liegen zwischen den Augen. Vorfahren der Vögel. Perm bis Trias.
Crocodylia (Krokodile)
An Leben im Wasser angepaßte Reptilien. Seit dem Obertrias.
Pterosauria
Flugfähige Saurier, die zwischen dem Arm und dem 4. Finger eine Flughaut aufspannen konnten. Vermutlich fischfressende Segelflieger über dem Meer. Lias bis Oberkreide.
Saurischia
Mit dreistahligem Beckenknochen. Meist auf zwei Beinen laufende, fleischfressende Saurier. Später sekundäre Vierbeinigkeit und Vegetarismus. (Darunter die typischen Saurier wie Tyrannosaurus oder Brachiosaurus) Mitteltrias bis Oberkreide.
Ornithischia
Mit vierstrahligem Beckenknochen. Meist pflanzenfressende, oft gepanzerte Echsen. Auf vier oder zwei Beinen (darunter: Iguanodon, Triceratops). Oberkreide.
Pelycosauria
Reptilien mit flachem, breiten Schädel und einer Tendenz zur Heterondontie (unterschiedlich ausgebildete Zähne). Perm
Therapsida und Ictidosauria
Umkonstruktion des Gebisses und der Kiefergelenke, Haarkleid und säugetierähnliche Lungen. In dieser Ordnung sind vermutlich die Vorfahren der Säugetiere zu suchen.

Eigentliche und Echte Eidechsen

(nach [Wur], [Eng] und [Bro])

Die Unterordnung der (eigentlichen) Echsen (Lacertilia) besteht aus meist vierfüßigen, selten extremitätslosen Tieren. Der obere Jochbogen ist meist vorhanden, der Schädel vorne durch Bindegewebe verschlossen. Sie enthält heutzutage ca. 3000 Arten.

Man unterteilt sie in folgende Familien: Iguanidae (Leguane und Meerechsen), Chamaeleontidae (Chamäleons), Geckonidae (Geckos), Lacertidae (Echte Eidechsen, darunter auch die Zauneidechse und die Smaragdeidechse), Anguidae (Schleichen), Helodermatidae (Krustenechsen), Varanidae (Warane), Lanthanotidae (Blindwarane), Mosasauridae (Flossenfüße).

Die Echten Eidechsen (Familie Lacertidae) sind relativ unspezialisierte, bodenbewohnende, kleine bis mittelgroße Insektenfresser. Normalerweise können sie sich recht flink bewegen. Sie kommen ausschließlich in der Alten Welt vor, und fehlen außerdem auf Madagaskar und dem indoaustralischen Raum (die südöstliche Grenze liegt auf Java und Borneo). Es sind ca. 180 Arten bekannt.

Beschuppung von Lacertiden

(nach [Eng])

Die Klassifikation der Lacertiden erfolgt hauptsächlich nach der Beschuppung. Speziell im Kopfbereich gibt es Hautverknöcherungen (knöcherne Hautschilder= Osteodermata), deren Schilder zumindest zum Teil vergrößert sind. Speziell was die Kopfbeschuppung angeht, hat sich eine eigene Terminologie entwickelt.

Die Bezeichnungen auf den Abbildungen sind wie folgt:

Kopfansichten einer Lacertide mit Schuppen (aus [Eng])

Kopfansichten einer Lacertide mit Schuppen (aus [Eng])

1):Kopf von oben
F Stirnschild (Frontale)
FnStirn-Nasen-Zwischenschild (Frontonasale)
FpStirn-Scheitel-Zwischenschild (Frontoparietale
I Zwischenscheitelschild (Interparietale)
O Hinterhauptschild (Occipitale)
P Scheitelschild (Parietale)
PfVorderstirnschild (Praefrontale
R Schnauzenschild (Rostrale)
ScAugenbrauenschilder (Supraciliaria)
SoAugendeckschilder oder Überaugenschilder (Supraocularia)
2):Kopf von der Seite
G Körnerschuppen (Granula superciliaria)
IfUnterlippenschilder (Sublabialia oder Infralabialia)
L Zügelschilder (Lorealia)
MaSchläfenplatte (Massetericum)
PnHinternasenschild (Postnasale)
R s.o.
SlOberlippenschilder (Supralabialia)
SnObernasenschild (Supranasale)
StOberschläfenschild (Supratemporalia)
SuUnteraugenschild (Suboculare)
T Schläfenschilder (Temporalia)
3):Kopf von unten
M Kinnschild (Mentale)
SmUnterkieferschilder (Submaxillaria)

Die meisten Arten besitzen an der Kehle eine durch vergrößerte Schuppen gebildete Hautfalte, das Halsband (Collare).

Die Bauchschuppen (Ventralia) sind bei fast allen Lacertiden größer als die Rückenschuppen (Dorsalia).

Vor der Kloakenspalte befindet sich bei der Gattung Lacerta immer ein auffälliges Analschild.

In Mitteleuropa vertretene Arten

(nach [Eng] und [Bro])

In Europa samt dem Kaukasusgebiet kommen 7 Gattungen mit rund 50 Arten vor. Die einzelnen Arten können, selbst innerhalb einer Population im Aussehen teilweise erheblich schwanken. Da sie oft nur sehr lokal verbreitet sind, empfiehlt sich bei der Bestimmung, zunächst den Fundort zu betrachten. Die europäischen Gattungen heißen Ophisops (Schlangenaugen-Eidechsen), Acanthodactylus (Fransenfinger), Eremias (Wüstenrenner), Lacerta (Halsbandeidechsen), Podarcis (Mauereidechsen), Algyroides (Kieleidechsen), Psammodromus (Sandläufer). Ob die auf den Kanaren vorkommende Gattung Gallotia auch zu Lacerta gezählt werden sollte, ist unklar. (Ausschließlich im tropischen Asien kommt die Gattung Takydromus (Langschwanzeidechsen) vor. Über die Gattungen Cabrita, Philochrotus(?), Latastia weiß ich nichts.)

Allein die Gattungen Lacerta und Podarcis, die sich im Gelände kaum unterscheiden lassen, sind mit Dutzenden Arten vertreten.

Die allermeisten dieser Arten kommen allerdings nur in Südosteuropa oder auf der iberischen Halbinsel vor. In Mitteleuropa sind die Lacertiden gerade mal mit vier vertreten:

Podarcis muralis Laur. (Mauereidechse)

Bis 20cm. Schlank, mit langem Schwanz. Bei den Männchen Oberseite braun mit schwarzen Fleckung oder Netzzeichnung. Die Weibchen mit je einem seitlichen, dunklen, hellgesäumten Längsband. Unterseite hell, beim Männchen oft orange bis rot mit dunklen Flecken. Die Seiten der Männchen oft mit blauen Flecken. Im Unterschied zu den Arten der Gattung Lacerta ist der Rand der Halskrause (eine Schuppenreihe um den Hals) glatt, und nicht gezackt, und der Rücken trägt keine Reihe mit verschmälerten Schuppen.

An besonnten Stellen in Süd- und Südwestdeutschland.

Lacerta agilis L. (Zauneidechse)

Auf dem Rücken mit ca. 10 Reihen verschmälerter Schuppen. Bis über 20cm große, gedrungene Eidechsen mit kürzerem Schwanz. Oberseite bräunlich mit dunklen Rückenstreifen, und hellen, dunkel gerandeten Flecken. Unterseite beim Männchen grünlich, beim Weibchen gelblich. Das Männchen während der Paarungszeit an den Seiten und unten oft lebhaft grün.

In offenem, trockenen, sonnigen Gelände. Nicht in den höheren Gebirgslagen.

Lacerta vivipara Jacquin (Bergeidechse, Waldeidechse)

Auf dem Rücken mit zwei Reihen verschmälerter Schuppen. Bis 18cm lang. Oberseite braun, meist mit dunklen Längsbändern und dunklen und hellen Punkten. Unterseite beim Männchen orange mit schwarzen Punkten, beim Weibchen gelblich-grau.

Diese Art ist lebendgebährend. Deshalb dringt sie von allen Eidechsenarten am weitesten in den Norden vor.

In offenem Gelände wie Waldrändern, Wiesen, Mooren, Sümpfen und Küstendünen verbreitete Art. Im Gebirge bis über 3000m.

Lacerta viridis Laur. (Smaragdeidechse)

Auf dem Rücken mit zwei Reihen (ev. undeutlich) verschmälerter Schuppen. Bis 40cm lang. Oberseite grün, oft mit 2-4 helleren Streifen. Männchen zur Paarungszeit mit blauer Kehle. Unterseite weißlich oder gelblich.

In sonnigem Gelände. In Deutschland nur selten und im Süden.

Die angegebenen 20cm Länge sind die Kopf- Schwanz- Länge. Die Kopf- Rumpf- Länge ist bei den älteren Tieren in freier Natur meist um die 10cm, bei den jüngeren um die 35mm. Generell liegt die Größe der Weibchen etwas über der der Männchen gleichen Alters. Die Männchen haben bei gleicher Kopf- Rumpf- Länge längere Vorder- und Hinterbeine. Die Unterschiede sind bei diesen Unterschieden aber so gering, daß sie nur durch größere Auszählungen statistisch zu untermauern sind.

Die Gattung Lacerta und L. agilis

L.agilis ssp. exigua. Männchen (oben) und Weibchen (unten) (aus [Eng])

L.agilis ssp. exigua. Männchen (oben) und Weibchen (unten) (aus [Eng])

(nach [Mer] und [Eng])

Die Evolution der Gattung Lacerta begann im frühen Miozän (vor ca. 25 Mio. Jahren), vermutlich in nordostanatolisch- transkaukasischem Raum. Es fand dann in mehreren Wellen eine Ausbreitung nach Nordosten und Nordwesten statt. In Europa wurden die Populationen durch die Eiszeiten getrennt und in sog. klimatische Gunsträume zurückgedrängt, im Kaukasus durch geologische Hebungsprozesse. Auf diese Weise ist die Ausdifferenzierung von L. agilis in Unterarten zu erklären. Die innerartliche Variabilität ist im Kaukasus am höchsten.

Zu der Gattung zählen vornehmlich kleinere, den Mauereidechsen ähnliche Tiere, aber auch große farbenprächtige Tiere wie die Perleidechse (L. lepida), von der angeblich schon Exemplare mit einer Gesamtlänge von 80cm gefunden wurden.

In Europa kommen ca. 24 Arten und 4 parthenogenetische Formen vor. (Die Populationen von parthenogenetischen Formen bestehen ausschließlich aus Weibchen, die sich durch Parthenogenese (Jungfernzeugung) ungeschlechtlich fortpflanzen. Solche Formen kann man deshalb streng genommen nicht mehr als Art (=Fortpflanzungsgemeinschaft) auffassen.) Weltweit gibt es ca. 60 Arten. Außerdem gibt es noch einige Arten, die nur einmal nachgewiesen wurden, und deren Status wegen der großen Variabilität einiger Arten unklar ist. Da eine vernünftige Revision der Gattung offensichtlich fehlt, sind sowohl die genaue Anzahl der Arten als auch die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der Gattung ziemlich unklar.

L. agilis, die Zauneidechse, wirkt verglichen mit den anderen Arten der Gattungen Lacerta und Podarcis relativ gedrungen. Die Kopf-Rumpflänge beträgt bei ausgewachsenen Tieren ca. 11cm. Der Schwanz ist 1,25 bis 1,5mal so lang, auf jeden Fall aber kürzer als doppelt so lang. Ansonsten sind ihre Merkmale äußerst variabel.

Nach der Gattung Lacerta ist übrigens auch ein Sternzeichen benannt worden.

by Michael Becker, 7/1998. Letzte Änderung: 3/2001.