Verhalten und Lebensweise der Zauneidechse

Ernährung

Die Zauneidechse ernährt sich, wie die anderen Eidechsenarten auch, von kleineren Tieren, insbesondere Würmern, Insekten und Spinnen. Ob bestimmte solche Tiere als Beutetiere bevorzugt werden, ist nicht bekannt.

Eine schlechte Ernährungslage kann die Winterruhe der Tiere herauszögern und führt manchmal zu Kannibalismus an den im Spätsommer gerade geschlüpften Jungtieren.

Sonnenbaden

Das Sonnenbade-Verhalten von L. agilis ist regional verschieden. Typischerweise baden sie zweimal am Tag in der Sonne. Einmal morgens oder vormittags, und dann am späten Nachmittag. Dazwischen gehen sie auf Beutefang. In den meisten Gebieten verkriechen sich die Tiere zumindest im Sommer während der heißesten Stunden am Mittag in ihren Unterschlüpfen.

Die Tiere erscheinen morgens ab einer Außentemperatur von ca. 18°C (dagegen L. vivipara: 16,5°C). Zum Sonnenbaden bevorzugen sie Holzklötze und Baumstämme. Die durchschnittliche Körpertemperatur von L. agilis während der aktiven Zeit beträgt 31-32°C.

Fortpflanzung und Eiablage

Geschlechtsreife

Über den Zeitpunkt, in dem Zauneidechsen ihre Geschlechtsreife erreichen, fand ich unterschiedliche Angaben. Manche sagen, daß dies zwischen der ersten und zweiten Überwinterung der Fall ist, was auch mir plausibel vorkommt, andere jedoch sagen, nach der 2. Überwinterung oder sogar erst im 3. oder 4. Lebensjahr. Festzustehen scheint, daß ihre Kopf- Rumpf- Länge zu dieser Zeit 55mm-65mm beträgt, und daß diese Phase ihres Lebens (die eintretende Geschlechtsreife) die Hauptwachstumsphase ist.

Balz

Die Paarungszeit ist im Frühjahr nach dem Erwachen aus der Winterstarre. Die Männchen verfärben sich dann oft auffällig grün.

Auf der Unterseite der Oberschenkel von Tieren der Gattung Lacerta befinden sich in Reihen angeordnet sog. Schenkelporen. Bei den meisten Tieren sind sie scheinbar funktionslos. Bei den Männchen von L. agilis sondern sie zu Fortpflanzungszeit eine käsig-breiige oder wachsige gelbliche scharf riechende Substanz ab. Deren genaue Funktion ist nicht sicher. Vermutlich dienen sie zur Markierung.

Die Tiere verteidigen während dieser Zeit ein Revier. Genaueres findet man im Abschnitt über das Territorialverhalten.

Zauneidechsenpärchen kurz vor der Paarung

Zauneidechsenpärchen kurz vor der Paarung. Das Männchen (grün) hat sich in die Flanke des Weibchens (braun) verbissen.

Die Weibchen scheinen sich bei der Paarung hauptsächlich nach der Größe zu richten: Größere Männchen werden bevorzugt. Als Balz wird eine abgeschwächte Form der Revierverteidigung durchgeführt. Ein paarungsbereites Weibchen erwartet die Annäherung des Männchens häufig durch Treteln.

Bei der Paarung verbeißt sich das Männchen in die Flanke eines paarungsbereiten Weibchens und krümmt dann seinen Körper so weit, daß es mit einem Hinterbein über die Schwanzwurzel des Weibchens greifen kann. Derart verankert stülpt es seine beiden Hemipenes aus und führt einen der beiden in die Kloakenöffnung des Weibchens ein. (Die Männchen der Lacertiden haben ein Paar Geschlechtsteile, die beiden sog. Hemipenes (Singular Hemipenis), die normalerweise in den Körper eingezogen sind.) (Das Bild rechts stammt von http://agora.unige.ch/ctie/bl/sek_reigoldswil/reptilien/), ist allerdings auf die Hälfte der Größe herunterkomprimiert worden (jpeg-Kompression). (Diese URL gibt es nun nicht mehr.)

Bei begatteten Weibchen sind häufig die Bißspuren der Männchen deutlich zu sehen, insbesondere auf den helleren Schilden der Bauchseite.

Eiablage

Zwischen der Begattung und der Eiablage vergehen dann mindestens 10 Tage. Die Eier werden also in einem recht fortgeschrittenen Entwicklungsstand abgelegt. Ein Weibchen legt durchschnittlich ca. 6 weiche, pergamentartige Eier. Ältere, und damit auch größere Weibchen können bis zu 12 Eier legen. Bei noch größeren Gelegen handelt es sich dann um Sammelgelege mehrerer Weibchen. Die Eier werden in die Erde gelegt.

Der Anteil der Eier am Gewicht des trächtigen Weibchen beträgt zwischen 33% (ssp. agilis) und 18% (ssp. grusinica). Diese Zahl wird häufig auch als Fortpflanzungsaufwand interpretiert. Ursachen für diese innerartlichen Differenzen kann es viele geben: Das Klima im Kaukasus erlaubt den Jungtieren von ssp. grusinica längere Zeit eigene Fettreserven anzusammeln (längere Herbst- und Winteraktivität). Höhere relative Gelegegewichte würden die Weibchen von ssp. grusinica, welche größer als die von ssp. agilis sind, und deshalb für Räuber eine attraktivere Beute, mehr behindern. Durch das hohe relative Gewicht des Geleges wirken die trächtigen Weibchen von L. agilis ssp. agilis regelrecht aufgedunsen.

In freier Wildbahn sind so gut wie alle Eier befruchtet. In Terrarien kann es aber auch vorkommen, daß ganze Gelege unbefruchtet sind.

Die Eier werden von den Weibchen einige cm in die Erde gelegt. Bei der Eiablage ist es wichtig, daß die Eier wochenlang geeignete Bedingungen vorfinden (s.u.). Entsprechend ihrer Lebensräume legen die Zauneidechsenweibchen ihre Eier dann auch an verschiedenen Orten ab. So findet man in England und Holland Gelege fast ausschließlich in Sand, weiter im Osten dagegen so gut wie nie. Am westlichen Rand der Verbreitungsgebietes werden die Eier nie an stark bewachsene Orte gelegt, sondern ganz im Gegenteil mind. 40cm von größeren Pflanzen entfernt. Schon in Ungarn weisen die Eiablageplätze einen Vegetationsdeckungsgrad von 90%-100% auf. Geeignete Ablageplätze werden jedes Jahr wiederbenutzt. Die Nesttiefe beträgt üblicherweise 4-10cm.

Findet das Weibchen keinen geeigneten Ablageraum, kann es die Eiablage um einige Tage verzögern, kann die Eier also "übertragen". Im Terrarium kann dies vorkommen, wenn ein Weibchen seinen Ablageplatz gegen andere trächtige Weibchen verteidigt und sie so am Legen hindert. In diesem Fall kann man ersteres Weibchen einfach herausnehmen, oder man kann weitere geeignete Eiablageplätze schaffen. Befruchtete Eier überstehen das Übertragen in der Regel um ca. 5 Tage. Danach sterben sie ab. Bei noch längerem Übertragen befruchteter Eier stirbt schließlich auch das Weibchen. Unbefruchtete Eier können dagegen auch über Winter im Körper verbleiben.

Unter geeigneten klimatischen Umständen kann es zu einer zweiten Eiablage im Jahr kommen. In West- und Mitteleuropa kommt dies jedoch nur sehr selten vor.

Eientwicklung

Die Entwicklungszeit der Eier (die Zeitdauer zwischen Legen und Schlüpfen) hängt von der Temperatur ab: Je tiefer die (Durchschnitts-)Temperatur ist, desto länger brauchen die Eier. Bei ca. 28°C dauert es knapp 40Tage. Bis zu einer Temperatur von 20°C steigt die Entwicklungsdauer linear auf rund 75 Tage an. Darunter steigt sie sehr schnell (18°C: ca. 120 Tage. Bei der Entwicklungsdauer lassen sich auch Unterschiede zwischen den einzelnen Unterarten feststellen. Die mitteleuropäischen Unterarten haben die kürzeste Entwicklungszeit - offensichtlich eine Anpassung an das unbeständige atlantische Klima.

Außer der Temperatur spielt auch die Feuchtigkeit eine wichtige Rolle: Die Eier kommen nur einen Tag ohne Kontaktwasser aus. Sie verlieren bei Trockenheit an Größe und bekommen Trocknungsdellen. Zur Regeneration wird dann Zeit benötigt (einige Tage), die dann zur Entwicklungszeit hinzugerechnet werden muß. Normalerweise können die Eier mehrfaches solches Trockenfallen überstehen. Trockenheit zu Beginn der Entwicklung kann aber zu Mißbildungen führen, wenn eine Trocknungsdelle auf den Embryo drückt. Solche Embryos entwickeln sich weiter, schlüpfen aber nicht, sondern sterben einige Tage, nachdem seine Geschwister geschlüpft sind, ab. Als ideal gelten 5% Bodenfeuchtigkeit.

Der Schlupfvorgang dauert mehrere Stunden bis zu einem Tag. Bei niedrigen Temperaturen kann es u.U. zu Problemen kommen, weil die junge Eidechse, nachdem der Kopf schon aus der Schale herausschaut, noch einige Tage im Ei bleibt, und die Eierschale den Hals abschnürt. In Mitteleuropa schlüpfen die jungen Eidechsen in der Regel Mitte August bis Anfang September. Aus ca. 80%-90% der Eier schlüpft erfolgreich eine Jungeidechse.

Lebensdauer

In Terrarien können Zauneidechsen über 12 Jahre alt werden. In der freien Natur kommen Alter von über sechs Jahren insbesondere bei den Männchen eher selten vor. Trotzdem machen die über sechs Jahre alten Weibchen knapp 1/3 des Reproduktionserfolges aus.

Daß man bei Freilandbeobachtungen häufiger Männchen als Weibchen findet, dürfte daran liegen, daß diese auffälliger gefärbt sind und wesentlich aktiver sind.

Territorial- und Wanderverhalten

Die Tiere nehmen Territorien für sich in Anspruch. Dabei sind die Territorien von Männchen (durchschnittlich 18m2) ausgedehnter als die von Weibchen (9m2). Insbesondere während der Paarungszeit im Frühjahr nach dem Winterschlaf verteidigen die Männchen ihr Revier gegen andere Männchen. Viele der Tiere (in Populationen in den Sanddünen in Südschweden wurden 30% gezählt) tragen von solchen Revierkämpfen Narben, hauptsächlich an Kopf und Beinen.

Mit "Territorium" ist hierbei kein wohldefiniertes geographisches Gebiet gemeint. Vielmehr scheinen die Männchen eine kreisscheibenförmige Umgebung um sie herum und um nahe Weibchen zu verteidigen. Die Weibchen dagegen scheinen einen mehr oder weniger festen Standort zu haben. (Das ist aber nicht sicher.)

Durch die unterschiedliche Größe der Reviere der beiden Geschlechter, kommt es häufig vor, daß sich die Reviere zweier Männchen überlappen. In der Natur kommt es dagegen so gut wie nie zu Revierkämpfen zwischen Weibchen. In Terrarien kann dies aber passieren.

Dringt ein Männchen in das Revier eines anderen ein, so droht dieses zuerst. Dabei hebt es den Kopf, spreizt mit dem Zungenbein den Mundboden und plattet seine Flanken seitlich ab. Zeigt das Drohen keine Wirkung, so gehen die Männchen meist schon nach kurzer Zeit zum Angriff über. Sie versuchen, den Gegner mit den Kiefern zu packen. Häufig kommt es auf diese Weise vor, daß sich die Männchen gegenseitig mit einem Biß am Kopf festhalten und schütteln. Darüber, ob die Kontrahenten in der Regel unverletzt auseinandergehen, oder ob die Kämpfe Schädigungskämpfe sind, habe ich unterschiedliche Angaben gefunden.

Als Demutsgeste wird das sog. Treteln benutzt: Die Eidechse hebt ihren Vorderkörper und Kopf, ihre Schnauzenspitze zeigt aufwärts. Dabei bewegt sie ihre Vorderbeine sehr schnell auf und ab, ohne sich allerdings fortzubewegen. Der Körper ist dabei dem Kontrahenten meist abgewandt.

Insgesamt sind erwachsene Tiere ausgesprochen ortsfest. Am größten ist die Mobilität der Tiere nach ihrer ersten Überwinterung bis zu ihrer Geschlechtsreife. An gut geeigneten Standorten bewegen sich aber auch diese Jungtiere nur so wenig wie nötig vom Schlupfort weg. So kann es passieren, daß eine Population sich auf einem optimalen Standort um nicht mehr 30m pro Jahr ausdehnt.

Schlechtere Lebensräume wie durch Wald verlaufende Bahndämme, können dagegen auch wesentlich schneller (bis zu 3km pro Jahr) überquert werden. Dagegen durchwandern Zauneidechsen scheinbar keine für sie völlig ungeeignete Lebensräume. Populationen, deren Lebensraum keine solche Verbindung zu weiteren geeigneten Stellen hat, sind also völlig isoliert; die Tiere können bei Störungen nicht ausweichen, sondern die Population geht zu Grunde.

Lacerta agilis ssp. agilis, Weibchen. (bei Bad Bodendorf)

Lacerta agilis ssp. agilis, Weibchen, (bei Bad Bodendorf)

by Michael Becker, 7/1998. Letzte Änderung: 12/2002.