Die Zustände im Bistum vor Julius Echters Bischofswahl

Als Julius Echter im Dezember 1573 sein Amt als Fürstbischof antrat, war die Situation des Bistums Würzburg - kurz gesagt - in jeder Hinsicht desolat.

Kleinstaaterei

Das Deutsche Reich bestand zu dieser Zeit aus unzähligen, mehr oder weniger voneinander unabhängigen Kleinststaaten, Herzogtümern, freien Städten, Grafschaften, reichsunmittelbaren Ritterschaften usw. mit jeweils verschiedenen Rechten. Die Grenzen zwischen diesen waren keineswegs so klar definiert; es gab Enklaven in fremden Gebieten und Mischgebiete. Im Bistum Würzburg gab es z.B. Dörfer, deren einzelne Höfe zu acht verschiedenen weltlichen Herren gehörten.

Die Gebiete, für die der Würzburger Fürstbischof als geistlicher Herrscher bzw. als weltlicher Herrscher zuständig war, waren keineswegs dieselben. So gab es z.B. Gebiete, die unter weltlicher Herrschaft Würzburgs waren, aber unter geistlicher Herrschaft Fuldas, und umgekehrt. Wieder etwas völlig anderes war das Recht, eine Pfarreistelle zu besetzen (Präsentationsrecht). So wurden z.B. im Bistum Würzburg viele dieser Stellen von den lokalen Adeligen mit Pfarrern ihrer Wahl besetzt.

Die rechtliche Situation wurde noch dadurch verkompliziert, daß viele verschuldete Adelige wie auch das ebenso verschuldete Bistum Würzburg Ländereien und Dörfer verpfändet hatten.

Die Ländereien der Adeligen waren ebenso wie die Grundstücke von Bauern und anderen in unzählige winzige Parzellen aufgespalten, die über ein weites Gebiet verstreut lagen.

Glaubensspaltung

Zu dieser Zeit breitete sich das evangelische Christentum in Deutschland aus. Im Bistum Würzburg waren die meisten Adeligen bereits protestantisch. Im "Augsburger Religionsfrieden" von 1555 hatten die Reichsfürsten das Prinzip anerkannt, daß die Fürsten die Religion ihrer Untertanen festlegen können ("Wessen das Land, dessen die Religion!"). Da im Bistum Würzburg sowohl der Fürstbischof wie auch die einzelnen Fürsten dieses Recht für sich beanspruchten, war die rechtliche Situation wiederum unklar.

So gab es innerhalb des Bistums wohl Dörfer, die noch fast katholisch geblieben waren, und solche, die bereits fast ganz evangelisch waren. Die Mehrheit war scheinbar bereits evangelisch. Da offensichtlich in vielen Orten keiner der Fürsten die Macht hatte, seinen Anspruch, die Religion zu bestimmen, durchzusetzen, herrschte dort wohl mehr oder weniger Religionsfreiheit. (Stimmt das wirklich?). In anderen Orten sah dies aber völlig anders aus.

Kriege

Infolge der großen sozialen Mißstände hatte es 1525 einen Bauernkrieg gegeben, während dem im Bistum viele Burgen, Kirchen und Schlösser in Schutt und Asche gelegt wurden. Der damalige Fürstbischof Konrad von Thüngen hatte den Aufstand blutig niedergeschlagen, und die Bauern wurden bestraft und mit noch höheren Abgaben belegt.

Seit dieser Zeit hatte es mehrere größere Raubzüge protestantischer Fürsten durch das Bistum gegeben (Philipp von Hessen 1528, Albrecht von Brandenburg-Sulmbach 1552-1554). Abgesehen von dem Schaden, den solche Züge direkt anrichteten, verlangten die Fürsten auch noch Bargeld vom Bistum.

Der geistliche Stand

Die Mißstände in der katholischen Kirche, die zur Reformation geführt hatten, waren keinesfalls behoben: Einkommensstarke Pfarreien waren von den Domherren an ihre Verwandten und Bekannten vergeben. Oft hatten die Pfarrer ihren Posten sogar gekauft. Oft hatten sie keinerlei theologische Ausbildung, und wußten nicht einmal eine Messe zu lesen, geschweige denn die Sakramente zu spenden.

Aufgrund des Bauernkrieges und mangels Nachwuchses waren viele Klöster verlassen. Auch diverse Pfarreistellen waren nicht besetzt, weil der zuständige Fürst eben keine Neubesetzung vornahm.

Die Verwaltung des Bistums

Auch in der Verwaltung des Bistum herrschten schlimme Zustände: Die Domherrn waren hauptsächlich an ihren eigenen Einkünften interessiert. Niedrigere Beamte erledigten ihre Arbeit nur nachlässig oder überhaupt nicht, Akten wurden nicht mehr geführt, Bestechungsgelder und Vetternwirtschaft waren üblich.

Bei derartigen Zuständen ist es kein Wunder, daß das Bistum tief verschuldet war, und daß eine Regierung kaum noch stattfand.

by Michael Becker, 11/1998. Letzte Änderung: 11/1998.