Der Fuldaische Handel

Auch das Bistum Fulda wurde von einem Mann regiert, der gleichzeitig weltlicher wie geistlicher Herrscher war, nämlich dem sog. Fürstabt der Benediktinerabtei in Fulda.

Die Beziehungen zwischen Fulda und Würzburg waren eher kühl, was daran lag, daß in vielen Orten weltliche und geistliche Herrschaft und das Präsentationsrecht zwischen diesen in wechselnden Konstellationen aufgeteilt waren, was in der Praxis dazu führte, daß sich die Fürsten, Domkapitel in Würzburg und Fulda, und die Adeligen des Landes bei vielen Entscheidungen gegenseitig blockierten.

In Fulda wurde 1570 der damals 22jährige Balthasar von Dernbach zum Fürstabt gewählt. Dieser begann mit großen Eifer die Gegenreformation in seinem bereits fast ganz protestantischen Bistums, und stieß damit auf wenig Gegenliebe bei seinem protestantischen Adel und dem Domkapitel. Wiederholt gab es Drohungen, ihn mit Gewalt abzusetzen.

Als er schließlich 1576 von seinen Kapitularen verlangte, zum klösterlichen Leben zurückzukehren, war offensichtlich das Faß voll. Ohne Balthasars Wissen verhandelten sie mit Julius Echter über eine Übernahme des Bistums Fulda durch Würzburg. Man einigte sich im Mai 1576 schließlich darauf, daß Balthasar abgesetzt würde, und daß J. Echter als neuer Herrscher zumindest den Ritterständen Religionsfreiheit gewähren würde.

Am 17. Juni bemächtigten sich Ritterschaft und Kapitel in Fulda der Macht. Dem Landtag wurde erklärt, daß ab sofort Fulda unter Würzburgischer Verwaltung stehe. Die Berater Balthasars wurden in Haft gesetzt, und er selber wurde in Hammelburg gezwungen, sein eigenes Abdankungsschreiben zu unterzeichnen. Eine Woche später ließ sich J. Echter in Fulda huldigen.

Balthasar indessen floh auf Mainzisches Gebiet, wo er sofort seine Abdankung als eine Erzwungene widerrief und Papst und Kaiser um Hilfe anrief. Man war im Reich und in der Kirche allgemein über das Vorgehen Echters und des Fuldaer Kapitels entrüstet. Die Übernahme von Fulda wurde für null und nichtig erklärt, und der Papst (Gregor XIII.) drohte sogar mit dem Kirchenbann, falls Würzburg Fulda nicht wieder herausgeben würde. Julius Echter beteuerte aber, daß dies sein gutes Recht sei und verlangte eine gerichtliche Austragung des Streites.

Nachdem trotz einiger Vermittlungsversuche eine gütliche Einigung zwischen Julius und Balthasar nicht zustande kam, wurde die Verwaltung von Fulda einem kaiserlichen Statthalter übertragen, und man wartete das Ende des Prozesses ab. Im Jahr 1602 schließlich wurde das Urteil gefällt, Balthasar wurde wieder eingesetzt, und das Fuldaer Domkapitel, die Ritterschaft und die Städte wurden wegen Treubruchs zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie und Würzburg mußten außerdem einen Schadensersatz und die Prozeßkosten zahlen.

Unter anderem diese als "Fuldaischer Handel" bekannten Geschehnisse führten dazu, daß die anderen Reichsfürsten den neuen Fürstbischof Julius Echter mit einem gewissen Mißtrauen betrachteten. Auch die Beziehungen zur Kirche waren deswegen einige Jahre lang eher getrübt.

by Michael Becker, 11/1998. Letzte Änderung: 11/1998.