Bestandsentwicklung in Deutschland, Jagd auf Elstern, durch Elstern angerichteter Schaden

In dieser Datei betreten wir nun vermintes Terrain. Wie sich die Elsternbestände (und die Bestände anderer Rabenvögel wie Krähen und Eichelhähern) in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben, wann und in welchem Ausmaß sie bejagt werden sollten, und wie groß die von ihnen verursachten Schäden (wenn überhaupt) sind, ist zu einem sehr beliebten Zankapfel bei Jagdverbänden, Vogelschützern, Jagd- und Landwirtschaftbehörden und Gartenbesitzern geworden. Sie hat sich zum Jagdpolitikum schlechthin gemausert.

Bestandsentwicklung in Deutschland

Über den Elsternbestand in Deutschland vor 1850 ist offensichtlich nichts bekannt. Dann setzte ein auffälliger Rückgang der Bestände in ganz Deutschland ein. Dieser Rückgang war für manche Beobachter schlicht unerklärlich, andere führten ihn auf die immer intensivere und effektivere Bejagung der Elster zurück.

Gegen 1910 war die Elster in weiten Teilen Deutschland so selten geworden, daß man in weiten Teilen mit ihrem Aussterben rechnete, und sie manchen Gegenden unter Schutz gestellt wurde. In der Südschweiz war die Elster 1915 ausgerottet und sie ist bis heute nicht dorthin zurückgekehrt, obwohl es in Norditalien wieder Elstern gibt. Ins Wallis ist die Elster 1950 zurückgekehrt.

Vor allem ab 1920 nahm die Zahl der Elstern wieder auffällig zu und besetzte aufgegebene Gebiete wieder. Als Grund hierfür werden der 1. Weltkrieg und die Zustände in der Nachkriegszeit vermutet.

Ab 1950 geht der Elsternbestand auf dem Land, wahrscheinlich wegen der Intensivierung der Landwirtschaft, zurück, und die Verstädterung der Elster setzt ein. Dieser Trend hat sich vermutlich bis heute fortgesetzt. Sicher ist dies aber nicht (s.u.)

Im Augenblick schätzt man den Elsternbestand in der Bundesrepublik Deutschland auf 210000-280000 Brutpaare.

Die Schwierigkeit bei Bestandsschätzungen

Auffällig bei Bestandsschätzungen von Elstern (wie von anderen Rabenvögeln) ist, daß zwischen den Schätzungen der verschiedenen Interessengruppen große Unterschiede bestehen. So liegen z.B. Schätzungen der Jägerschaft durchschnittlich einen Faktor 2-2,5 über denen der Landesämter für Naturschutz und Landespflege.

Hauptgründe für die ungleichen Bestandsschätzungen sind meines Eindrucks nach folgende:

  1. verschiedene Motivation der Bestandserheber. Sicherlich kann man davon ausgehen, daß nur wenige schwarze Schafe bewußt falsche Zahlen niederschreiben. Dennoch sind die großen Unterschiede in den Bestandserhebungen kaum anders zu erklären. Derselbe Effekt zeigt sich ja auch bei allen anderen gesellschaftlich umstrittenen Studien.
  2. die verschiedene Anzahl der Nester pro Brutpaar. Die Idee, Nester zu zählen, die von Elstern angeflogen werden, funktioniert nicht hundertprozentig, da ein Paar mehrere Nester besitzt, und oft auch mehrere gleichzeitig ausbessert o.ä.. Außerdem werden die Nichtbrüterscharen dabei nicht erfaßt.
  3. Im Herbst und Winter können Zählungen dadurch verfälscht werden, daß Paarvögel, die sich tagsüber in ihrem Revier aufhalten, sich abends aber mit den Nichtbrütern an der Schlafstätte zusammenfinden, doppelt gezählt werden.
  4. Bei der Zählung von Brutpaaren ist zu beachten, daß auch Nichtbrüter zeitweise kleine Reviere verteidigen.

Speziell bei Laien erweckt die Angewohnheit von Elstern (und anderen Rabenvögeln), Trupps zu bilden, manchmal den Eindruck einer massiven Überbevölkerung.

Elsternpopulationen haben außerdem die Fähigkeit, sich nach einer zeitlich begrenzten scharfen Verfolgung wieder sehr schnell zu erholen. Dies führt in den ersten Jahren nach Beendigung der Jagd zum Eindruck einer grenzenlosen Vermehrung.

Durch Elstern verursachte Schäden

Obwohl der Nahrung von Elstern im Herbst zu einem guten Teil aus Getreide bestehen kann, sind bisher noch keine durch die Elstern verursachten Schäden in der Landwirtschaft bekannt geworden.

Des weiteren gibt es eine Diskussion über die Schadwirkung von Elster, Eichelhäher und Rabenkrähe auf das Niederwild, und hier insbesondere die Hühnervogelarten (Rebhuhn, Fasan, Auerhuhn, Haselhuhn und Birkhuhn), die bis auf den Fasan in den letzten Jahren sehr selten geworden sind (Birkhuhn in weiten Teilen Deutschlands ausgestorben). Die Schadwirkung der Elster auf diese Tiere dürfte aber, verglichen mit der von Rabenkrähen, relativ klein sein, auch wenn von Seiten der Jägerschaft etwas anderes behauptet wird. Denn erstens zählen zu ihrem Beutespektrum hauptsächlich Kleinvögel, und zweitens leben sie in einem anderen Lebensraum. Deshalb gehe ich auf diesen Aspekt nicht weiter ein. Der Rückgang der Hühnervogelarten geht ziemlich sicher auf die Zerstörung entsprechender Biotope und auch auf Überjagung zurück.

an Kleinvögelpopulationen

Der Haupt-"Schaden", den Elstern verursachen, ist das Plündern von Nestern von Kleinvögeln, und auch das Erbeuten von Kleinvögeln. Tatsächlich war die Reaktion von 3/4 der Leute, denen ich von Elstern erzählte: "Die haben bei uns hinten im Garten andere Vögel praktisch ausgerottet." Hierbei handelt es sich aber fast ausschließlich um zufällige Einzelbeobachtungen, welche auf ein Jahr, einen Garten oder ein Feld etc. beschränkt waren.

Da das Verschwinden einer Vogelart, oder drastische Verkleinerungen deren Populationen gerade in kulturell geprägten Landschaften häufig auch auf den Menschen selber zurückzuführen sind (z.B. Rodung einer Hecke, Umwandlung einer Wiese in einen Rasen oder umgekehrt), ist die Frage, in wieweit Elstern Einfluß auf Kleinvögel-Populationen nehmen noch viel schwieriger zu beantworten als die nach dem Bestand. Um diese Frage zu klären, gibt es zwei methodische Ansätze:

  1. Direkte Beobachtung von Brutpaaren verschiedener Vogelarten in einem bestimmten Gebiet über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr.
  2. Populationsuntersuchungen von Elstern und Kleinvögeln über mehrere Jahre. (Ornithologische Rasterkartierungen)

Beides ist selbst in kleinen Gebieten nur mit einigem personellen Aufwand möglich. Flächendeckende Untersuchungen gibt es folglich nicht.

Untersuchungen der Art 1. gibt es nur wenige. Bei den mir bekannten gab es in keinem Fall einen nachhaltigen Einfluß auf die Singvögelpopulationen, da die betroffenen Vogelpaare in allen Fällen eine Ersatzbrut durchbrachten, nachdem die Brutzeit der Elstern vorüber war. (Auch andere Singvögel legen, wenn eine Brut nicht gelingt, ein Ersatzgelege. Kleinvögel können im Jahr bis zu 5 solche Ersatzbruten legen.)

Untersuchungen der Art 2. immerhin gibt es einige, manchmal von Vogelschützern, manchmal von der Jägerschaft durchgeführt. Entsprechend unterschiedlich sind die Ergebnisse. Meines (höchst subjektiven) Eindrucks nach kann man die Ergebnisse folgendermaßen zusammenfassen:

Zum Verhältnis zwischen Elstern- und Kleinvögel-Populationen muß man noch sagen, daß das Verhältnis zwischen Elstern und Kleinvögel im Prinzip kein anderes ist, als zwischen anderen Nesträubern (Katzen, Raubvögeln, Eichhörnchen) und Kleinvögeln. Im Detail allerdings schon: Elstern-Populationen werden (genau wie die rein künstlichen Katzen-Populationen) durch den Menschen auf einem hohen Niveau gehalten. Größere Kleinvögel-Verluste sollten also dort auftreten, wo die Elster weitere gute Futterquellen wie Komposthäufen etc. findet, so daß es zu dichten Elstern-Populationen kommen kann.

Elstern als Diebe

Der Elster sagt man nach, daß sie eine Vorliebe für glänzende Gegenstände wie Münzen, Alufolie etc. hat, und diese in ihre Nest schleppt. Tatsächlich sammelt sie nicht nur Nahrung ein und versteckt sie, sondern gerne auch Sachen, die glänzend oder leuchtend gefärbt sind. Sie werden dann von dem Vogel neugierig untersucht, und -falls möglich- weggetragen. Besonders interessant sind für Elstern in der Tat rundliche, silbrig glänzende Gegenstände. Der Grund für dieses Sammeln ist nicht genau bekannt, man kann aber annehmen, daß die Handlungsweise des Futtersammelns und -hortens aus Neugier und Spieltrieb auch mit anderen Gegenständen durchgeführt wird, um es zu erhalten oder zu trainieren.

Allerdings trägt die Elster die Gegenstände weder in ihr Nest, noch legt sie regelrechte Schätze an. Die Gegenstände werden, genau wie sie es bei Nahrungsvorräten macht, einzeln unter ein wenig Laub oder Gras versteckt, so daß es, wenn man den Vogel nicht in flagranti erwischt, schwierig zu sagen ist, ob er nicht einfach verloren wurde.

Die Jagd auf Elstern

Die rechtliche Situation

Die rechtliche Situation finde ich schon verwirrend genug. Deshalb sei zur Rechtsgeschichte nur soviel gesagt: Elstern galten genau wie Rabenkrähen und Eichelhäher bis 1976 ohne Einschränkung als jagbar, weil jede ältere Regelung diese Vögel in den Ausnahmen führt. Das erste bundeseinheitliche Naturschutzgesetz vom 20.12.1976 hätte auch diesen Vögeln einen "gesetzlichen Mindestschutz" gewähren sollen. Es blieb jedoch weiterhin Praxis, selbst brütende Elstern aus den Nestern zu schießen. (Das sog. "Ausschießen von Nestern".)

Die EG-Vogelschutzrichtlinie:Die heutige rechtliche Situation ist ungefähr wie folgt: In der Richtlinie des Europarates 79/409/EWG vom 2.4.1979 über die Erhaltung der wildlebenden Vogelarten (Amtsblatt der EG Nr.L103 vom 25.4.1979), der sog. EG-Vogelschutzrichtlinie werden alle Singvögel unter besonderen Schutz gestellt und grundsätzlich erst einmal nicht zur Bejagung freigegeben. Die Vogelschutzrichtlinie war innerhalb von 2 Jahren von den Mitgliedsstaaten in nationales Recht umzusetzen.

Die EG-Vogelschutzrichtlinie sieht zwei Ausnahmen vor. In Artikel 7 werden einige Arten aufgeführt, die bejagbar bleiben sollen. Hier sind weder Elster noch Rabenkrähe oder Eichelhäher aufgeführt.

Nach Artikel 9 können die Mitgliedsstaaten der EU weitere Ausnahmeregelungen erlassen, wenn dies "zur Abwendung erheblicher Schäden an Kulturen, Viehbeständen etc. oder zum Schutz der Pflanzen- und Tierwelt" nötig ist. Hierbei besteht eine Nachweispflicht, um welche Arten und welche Fangmethoden es sich handelt, welche Kontrollen vorgenommen wurden etc..

Das Bundesnaturschutzgesetz und die Bundesartenschutz-Verordnung von 1987: Die am 1.1.1987 in Kraft getretene Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes setzt die EG-Richtlinie in nationales Recht um. In ihm ist der Schutz wildlebender Tiere geregelt. Und zwar wird ein Mindestschutz für alle Tiere vorgeschrieben (20d), und ein besonderer Schutz für gefährdete Tierarten (20e).

Welche Tiere dabei unter welches Recht fallen, wird in der ebenfalls am 1.1.1987 geänderten Bundesartenschutz-Verordnung geregelt. Sämtliche Vogelarten fallen nach dieser unter den besonderen Schutz des Bundesnaturschutzrechtes, allerdings mit Ausnahme derjenigen Arten, die unter das Bundesjagdrecht fallen (deren Schutz regelt nicht das Bundesnaturschutzrecht). Dies ist allerdings für die Elster nicht der Fall.

Weiter werden im Bundesnaturschutzgesetz 20f die Maßnahmen, mit denen besonders geschützte Tierarten geschützt werden sollen, beschrieben. U.a. ist das Fangen, Töten und der Besitz dieser verboten, ebenso das Zerstören von Nist- und Wohnplätzen usw.. Auf Details werde ich nicht eingehen, denn die Elster fällt unter die Ausnahmeregelungen:

20g erlaubt Landesbehörden per Rechtsverordnung Ausnahmen von Naturschutzgesetz zuzulassen, wenn dies "zur Abwendung erheblicher land-, forst-, fischerei-, wasser- oder gemeinwirtschaftlicher Schäden", "zum Schutz der heimischen Tier- und Pflanzenwelt" oder "für Zwecke der Forschung, Lehre, Zucht, des Anbaus oder der Ansiedlung" erforderlich ist.

Die Länder reagierten auf das Bundesnaturschutzgesetz meist mit Ausnahmeregelungen für Elster, Eichelhäher und Rabenkrähe, die zur Bejagung grundsätzlich oder außerhalb ihrer Brutsaison freigegeben wurden. Wie weit die Ausnahmeregelungen gehen, ist vom Bundesland abhängig. Einige erließen so weitgehende Ausnahmegenehmigungen, daß die Anzahl der geschossenen Vögel in derselben Größenordnung blieb wie vor Inkrafttreten der Vogelschutzrichtlinie. Viele Länder haben Elster und Rabenkrähe in das Landesjagdrecht überstellt.

Die Änderung der Vogelschutzrichtlinie von 1994: Auf Initiative einiger Mitgliedsstaaten, vor allem der Bundesrepublik Deutschland, wurde am 8.6.1994 die Vogelschutzrichtlinie geändert. Der Anhang II,2 führt nun Vogelarten auf, die in bestimmten Mitgliedsstaaten bejagt werden dürfen. Für Deutschland sind von den Rabenvögeln Elster, Eichelhäher und Aaskrähe (Rabenkrähe und Nebelkrähe) aufgeführt.

Die EU stellt damit den Schutz dieser Arten wieder in das Ermessen der betreffenden Mitgliedsstaaten. Soweit ich weiß, wurde die rechtliche Lage in der Bundesrepublik allerdings nicht geändert. Im Gespräch war (ist?) allerdings die Überstellung dieser drei Arten ins Bundesjagdrecht und die grundsätzliche Freigabe des Abschusses außerhalb der Brutsaison. Eine solche Regelung fand aber keine Mehrheit bei den Ländern.

Elstern stehen also weiterhin unter besonderem Schutz, dürfen aber in den meisten Bundesländern bejagt werden.

Die Landesverordnungen diverser Länder habe ich vom Bundesumweltministerium erfahren.

Abschußzahlen

Genaue Daten konnte ich nicht auftreiben. In [Epp] finden sich folgende Zahlen: Vor 1987 wurden jährlich 300000-600000 Krähen, Elstern und Eichelhäher geschossen. Es werden also vielleicht 50000-150000 Elstern pro Jahr gewesen sein. In Bayern werden in den Jagdstatistiken in den Jahren 1992/1993 genau 19346 geschossene Elstern gemeldet. Nach Hochrechnung auf die Bundesrepublik (und ev. Addition einer Dunkelziffer) dürften sich in der Bundesrepublik Deutschland Abschußziffern von rund 70000-100000 Elstern pro Jahr ergeben. (Es handelt sich hier nur um eine sehr grobe Schätzung. Für genauere Daten wäre ich dankbar.)

Einige Schmankerl aus dem "Rabenvogelstreit"

Im folgenden bringe ich einige nette Zitate aus dem "Rabenvogelstreit" zwischen Jägern, Landwirten, Politikern, Vogelschützern usw..

by Michael Becker, 3/1999. Letzte Änderung: 12/2002.