Allgemeines über die Rabenvögel (Corvidae)

Systematik

Die Elster (Pica pica L.) gehört zur Familie Corvidae (Rabenvögel), und damit zur Unterordnung Oscines (Singvögel) und der Ordnung Passeriformes (Sperlingsvögel). Die Zuordnung zu den Singvögel, welche knapp die Hälfte aller Vogelarten stellen, mag den Laien erstaunen, ist aber eindeutig.

Singvögel

Die Singvögel gelten als die am stärksten abgeleitete Vogelgruppe. Ihre Entfaltung begann vermutlich im Miozän vor 30-10Millionen Jahren. Dank ihrer Fähigkeit, sich unter schwankenden Umweltbedingungen zu bewähren und ihrer großen Plastizität haben sie sich in ca. 4000 Arten aufgespalten und in sehr unterschiedlichen Habitaten etabliert.

Gemeinsames Merkmal aller Singvögel ist, daß die Entwicklung des unteren Kehlkopfes an der Verzweigung der Bronchien, der Syrinx, unter allen Vögeln am weitesten fortgeschritten ist. Der Stimmapparat ist besonders stark ausgebildet (mit 4-9 Muskelpaaren). Dies wiederum hat zur Entwicklung stark differenzierter Lautäußerungen (Gesänge) geführt, die ihrerseits wieder zu einer schnellen Artabspaltung führen.

Rabenvögel

Die Syrinx der Rabenvögel ist sogar noch besonders kompliziert ausgebildet. Alle Rabenvögel beherrschen einen leisen Plauder-Gesang und haben ein großes Stimmspektrum, auch wenn sie gewöhnlicherweise nur krähen oder krächzen.

Die Rabenvögel werden normalerweise an die Spitze der Singvögel gestellt. Die Gründe dafür sind ihre für Vögel erstaunlichen geistigen Fähigkeiten, ihre Größe und ihr komplexes Verhalten.

Die Familie besteht aus rund 100 Arten und ist besonders auf der nördlichen Hemisphäre und in Südostasien verbreitet. Sie fehlt nur auf einigen ozeanischen Inseln, in Teilen Südamerikas und in Neuseeland.

Verschiedene Elstern (und unten ein Blauhäher)

Folgende Elstern sind zu sehen: Links oben die grüne Jagdelster (Cissa chinensis (Boddaert)), in der Mitte oben der blau-schwarze Rotschnabel-Schweifkitta (Urocissa erythrorhyncha (Boddaert)), rechts oben die Malaien-Baumelster (Dendrocitta occipitalis (St. Müller)) und rechts unten die Spatelschwanzelster (Crypsirina cucullata Jerdon). Am unteren Bildrand ist außerdem abgeschnitten noch ein Blauhäher (Cyanocitta cristata L.) zu sehen.

Die Corvidae werden in vier Gattungsgruppen unterteilt:

Häher
(42 Arten) Die Häher zeigen unter den Rabenvögeln noch die typischsten Singvogelmerkmale. Die einheimischen Arten sind Nucifraga caryocatactes (Tannenhäher) und Garrulus glandarius (Eichelhäher). In Nordeuropa kommt außerdem der Unglückshäher (Perisoreus infaustus) vor. In Nordamerika ist die Gruppe der Blauhäher verbreitet, in Mittelasien der wüstenbewohnende Saxaulhäher (Podoces panderi).
Elstern
(19 Arten) Hierbei handelt es sich um meist Arten mit überwiegend schwarz-weißem, gelb-grünem oder schwarz-blauem Gefieder und einem langem gestuften Schwanz. Gattungen sind Pica (Elster), Cyanopica (Blauelster), Cissa (Jagdelster), Crypsirina (Spatelschwanzelster), Platysmurus, Dendrocitta (Baumelster), Urocissa (Schweifkitta, Blauelster).
Bergkrähen
(2 Arten) Mit der Gattung Pyrrhocorax (Alpenkrähe & Alpendohle) in Gebirgen und an Felsenküsten.
Raben und Krähen
(33 Arten) Meist schwarze, selten graue oder braune Vögel. Hauptsächlich bestehend aus der Gattung Corvus. Systematisch isoliert noch die Gattung Corvultur.

Elstern

Cyanopica cyanus (Blauelster)

Blauelster (Cyanopica cyanus).

Hierbei handelt es sich vorwiegend um Vögel, die in Wäldern oder baumbestandenen halboffenen Landschaften leben. Die Nester werden üblicherweise mit einer Haube abgedeckt. Die Ernährung erfolgt vorzugsweise auf dem Boden. Besonders zahlreich sind die Arten dieser Gruppe in Ostasien (Südostasien bis Himalaya).

Nahe verwandt mit der einheimischen monotypischen Gattung Pica (Elster) ist die ebenfalls monotypische Gattung Cyanopica mit der einzigen Art Cyanopica cyanus (Blauelster), welche auf der südlichen iberischen Halbinsel und in Südostasien vorkommt. Einige Merkmale der Blauelster (offenes Nest, weiße Schwanzspitzenfedern) erinnern aber eher an die Elstern der Gattung Cissa.

Beschreibung der Rabenvögel im allgemeinen

Es handelt sich um mittelgroße bis große Singvögel. An ihrem Flügel stehen 10 Handschwingen, an ihrem Schwanz 12 Steuerfedern. Das Gefieder hat oft einen metallischen Glanz. Die Mauserdauer gehört mit 90-180Tagen zu den größten unter den Singvögeln.

Der Schnabel ist meist recht stark ausgebildet. Die Nasenlöcher sind meist rund, offen, und von nach vorne gerichteten Borstenfedern bedeckt.

Außerdem unterscheiden sich die Corvidae durch eine charakteristische chemische Zusammensetzung des Bürzeldrüsenwachses von anderen Vögeln.

Viele Arten der Familie haben rauhe, laute, krächzende Stimmen. Sie besitzen aber außerdem noch ein großes Lautinventar. Viele Arten sind ausgezeichnete Imitatoren anderer tierischer Laute. Außerdem können sie leise singen oder plaudern. Im Gegensatz zu anderen Singvögeln spielt dieser Gesang aber im Territorialverhalten kaum eine Rolle.

Viele Arten der Familie laufen oder hüpfen gerne auf dem Boden. Viele legen Nahrungsvorräte an, indem sie die Nahrung verstecken oder vergraben. Die meisten Arten sind omnivor, einige Fleischfresser, einige ernähren sich fast ausschließlich pflanzlich. Oft wird die Nahrung mit den Füßen festgehalten, während sie mit dem Schnabel bearbeitet wird.

Rabenvögel sind unter allen Vögeln die intelligentesten. (Dies macht die Vertreibung von Krähen durch Vogelscheuchen etc. unmöglich.) Viele Arten sind auffällig regsam und neugierig. In einem Fall ist Werkzeuggebrauch (mit einem Stöckchen) bekannt. Selbst Elstern schneiden bei Intelligenztests, bei denen Futterbrocken mit Stöckchen oder Fäden irgendwo hinausmanövriert werden müssen, wobei Fallen eingebaut sind, in die das Futter hineinfallen kann, wenn man die Aufgabe falsch anfängt, besser ab als Kapuzineraffen. Mit Schimpansen können sie jedoch noch lange nicht mithalten.

Meist leben die Vögel in lebenslanger Einehe. Viele sind, wenn sie nicht brüten, ausgesprochen gesellig und zeigen ein mehr oder weniger kompliziertes Sozialleben.

by Michael Becker, 3/1999. Letzte Änderung: 3/1999.