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Sterntagebücher und Fiasko

Wo ich jetzt schon kurz erklärt habe, daß "ijon" aus den Sterntagebüchern von Stanislaw Lem kommt, möchte ich dieses Buch, und ein weiteres desselben Autors, "Fiasko", kurz vorstellen. Es handelt sich dabei zwei Science-Fiction-Bücher, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.


Die Sterntagebücher

Die Sterntagebücher bestehen aus den mehr oder weniger unzusammenhängenden Reiseberichten und Erinnerungen des Raumfahrers Ijon Tichy. Es sind launische, nicht ganz ernst gemeinte, und unglaubliche Geschichten, die da erzählt werden, von verrückten Waschmaschinen, die die Welt beherrschen wollen, von Zivilisationen, die in großer Selbstverleugnung daran glauben, unter Wasser leben zu müssen, obwohl sie Luft zu Atmen brauchen, von Irrenanstalten für Roboter, verrückten Professoren, Leuten, die in der Vergangenheit herumpfuschen... Es wird ziemlich bunt fabuliert und philosophiert.

In meiner Lieblingsreise gerät Ijon in einen Zeitstrudel und begegnet sich selber am gestrigen und am morgigen Tag. Doch die Ijons von den verschiedenen Wochentagen arbeiten nicht unbedingt effektiv zusammen. Statt dessen essen sie sich gegenseitig ihre Schokolade auf (wem gehört die Schokoladenration des Monats - dem Ijon vom Montag, von Dienstag oder vom Mittwoch?), klauen sich Raumanzüge und begründen das mit haarsträubenden Erklärungen, lügen sich gegenseitig an, und anderes mehr. Und natürlich ist die Geschichte so geschickt konstruiert, daß jeder Ijon bei seinen Kollegen von gestern bzw. morgen genau das beobachtet, was er selber bereits getan hat oder einen Tag später tun wird.

Insgesamt sind dies leicht zu lesende, augenzwinkernde Geschichten für Leute, die gern mal ein bißchen philosophieren, aber die Philosophie nicht todernst nehmen.


Fiasko

"Fiasko" ist fast das genaue Gegenteil davon. Es handelt sich um einen ernsten und teilweise schwer zu lesenden Roman mit längeren technischen, philosophischen und soziologischen Passagen.

Im ersten, ziemlich langen Kapitel erfahren wir, wie der Protagonist in einem Wald aus halbfestem Methan auf dem Titan verunglückt und sich selber kryostatisch einfrieren muß, ohne zu wissen, ob man ihn jemals wiederbeleben können wird.

Dies geschieht erst einige Hundert Jahre später auf der EURYDIKE, einem gigantischen raupenartigen Raumschiff, welches den ersten Kontakt zu anderen intelligenten Wesen herstellen soll, welche das SETI-Projekt schließlich entdeckt hat. Jahrelang fliegt die Eurydike, und während sie selber schließlich komplizierte Manöver in der Nähe eines schwingenden Schwarzen Lochs durchführen soll, soll ein kleineres Schiff -der HERMES- zum Planeten "Quinta" fliegen und dort den eigentlichen Kontakt herstellen.

Doch nicht nur, daß die fremde Zivilisation keinen Kontakt will. Auch auf die seltsamen und unlogisch erscheinenden Dinge, die auf der Quinta und ihrer Umlaufbahn geschehen, kann sich die Crew trotz aller soziologischen Theorien, die sie von der Erde mitbekommen hat, überhaupt keinen Reim machen. Die Mission verkommt zu einem grotesken, aber durchaus gefährlichen Schauspiel.

Nach monatelangem erfolglosen Bemühen, irgendeinen Kontakt herzustellen, fangen sich bei der Crew an, die Nerven zu zeigen. Nicht besonders hilfreich ist es, daß dann auch noch herauskommt, daß der Bordcomputer jedes Crewmitglied Tag und Nacht beobachtet und seine psychische Verfassung bewertet.

Am Ende greift die Crew zu immer drastischeren Mitteln, einen Kontakt zu erzwingen, und die Erzählung endet -wie könnte es anders sein- in einem Fiasko.

Dieser Roman unterscheidet sich von allen anderen Science-Fiction-Romanen, die ich gelesen habe, darin, daß er unglaublich technisch, fast schon technokratisch ist. Lem plaudert über die physikalischen Theorien dieser Zukunft, auf deren Grundlage z.B. der Antrieb des Raumschiffs beruht, über die Vereinigung von Quantenmechanik und Allgemeiner Relativitätstheorie, er philosophiert über außerirdische Soziologie. Und das alles macht er so geschickt, daß selbst ich häufig nicht wußte, was noch Realität ist, und was schon erfunden ("Quantenverdampfung" Schwarzer Löcher, Kerr-Radius, SETI, CETI).

Insgesamt ist das sicherlich ein Roman, den nur Leute wirklich genießen können, die ein wenig Ahnung von Physik haben und die nichts gegen das gefürchtete "Technobrabbel" haben. Diese finden aber in "Fiasko" einen außergewöhnlich niveauvollen und anständig spannenden SF-Roman. Und das ist ja auch etwas mit Seltenheitswert.


Ausgaben

Die "Sterntagebücher" von Stanislaw Lem sind als Taschenbuch beim Suhrkamp-Verlag erschienen. ISBN-?

"Fiasko" ist als Hardcover-Ausgabe beim Fischer-Verlag erschienen. ISBN-3-10-043302-5. Es gibt auch eine Taschenbuch-Ausgabe vom Suhrkamp-Verlag (ISBN kenne ich nicht).


Links

Für weitere Informationen zu Stanislaw Lem und seinen Werken s. die Stanislaw Lem Bibliography von Mike Sofka. Dort gibt es auch eine beträchtliche Anzahl an weiteren Links.


Homepage by Michael Becker, 6/2000. Letzte Änderung: 3/2001.